Interview mit dem Theologen Dieter Potzel

"Der Himmel ist unsere Kuppel"

Festliche Trauung ohne Kirche



Frage
: Herr Potzel, Sie haben früher als evangelischer Pfarrer viele kirchliche Trauungen durchgeführt. Was ist Ihr Anliegen, wenn Sie heute festliche Trauungen ohne Kirche anbieten? [Aktualisierung: nur bis 2015; unverbindliche Beratung weiterhin möglich]

Dieter Potzel: Es geht darum, dass Menschen unabhängig von kirchlichen Ritualen eine festliche Hochzeit feiern oder den Segen Gottes für ihre Ehe erbitten können.

Die Situation ist ja folgende: Für viele ist der Gedanke an Hochzeit oder Beerdigung ja der wichtigste oder gar einzige Grund, Kirchenmitglied zu bleiben: Man möchte vielleicht einmal im Leben für einige Minuten eine Dienstleistung in Anspruch nehmen und zahlt dafür ein Leben lang insgesamt Tausende, Zehntausende oder hochgerechnet gar sechsstellige Beträge an Kirchensteuer. Dabei stellt sich für das zukünftige Ehepaar natürlich auch die Frage, ob denn z. B. eine kirchliche Trauung wenigstens den inneren Wert besitzt, den man sich erhofft.

Die Trauung in oder außerhalb der Kirche ist ja eine äußere Handlung. Entscheidend für das Gelingen der Ehe ist jedoch, wie die Partner miteinander umgehen. Hierbei habe ich erlebt, dass kirchliche Vorschriften zu einer Belastung für die Eheleute werden können, etwa wenn die katholische Kirche bei einer so genannten "konfessionsverschiedenen" Ehe vom katholischen Partner verlangt, dass er sich für die spätere katholische Taufe gemeinsamer Kinder einsetzt.

Und wenn er es nicht tut?

Es kann für die Betroffenen dann zum Problem werden, wenn die Hochzeit in einer evangelischen Kirche stattfinden soll. Dann braucht der katholische Partner einen so genannten "Dispens" (= Erlass) von der katholischen "Formpflicht" der Ehe, wenn er die Anerkennung seiner Ehe seitens seiner Kirche möchte. Diesen Dispens bekommt er aber nur, wenn er sich gegenüber seinem evangelischen Partner für die römisch-katholische Säuglingstaufe späterer Kinder stark macht. Andernfalls wird er exkommuniziert und riskiert damit nach katholischer Vorstellung sein Seelenheil. Ich weiß von einer gläubigen Katholikin, die erst wieder die Hostie empfangen durfte, als ihr als Säugling evangelisch getauftes Kind mit 14 Jahren religionsmündig wurde. Darunter hat sie viele Jahre gelitten. Um Ärger mit der Kirche zu vermeiden, einigten sich manche Partner deshalb mit Verdruss vorab auf die katholische Taufe und katholische Mitgliedschaft späterer Kinder ...

… und riskieren dabei, dass dem Kind später im Religionsunterricht Angst vor der Hölle gemacht wird.

Das kann auch im evangelischen Religionsunterricht passieren. Es hängt von den Lehrern ab, ob sie gegenüber den Kindern den Glauben ihrer Kirche beschönigen oder nicht. Die angeblich ewige Verdammnis des größten Teils der Menschheit wird in beiden Kirchen gelehrt, da nur die wenigsten Menschen die jeweiligen konfessionellen angeblichen Bedingungen für das Seelenheil erfüllen.

Geht es dem zukünftigen Ehepaar bei einer kirchlichen Trauung neben der festlichen Umgebung nicht vor allem um die Einbeziehung von Gott?

Ja. Doch Gott wohnt nicht in einem Haus aus Stein, wie es bereits in der Bibel heißt.* Wer den Segen Gottes für seine Ehe möchte, darf folglich nicht in einem Kirchengebäude danach suchen oder einen Priester oder Pfarrer danach fragen. Jesus hat auch nie von Priestern als Segensspendern gesprochen. Nach den Glaubensvorstellungen der meisten Religionen ist Gott der Schöpfer der Erde und aller Lebewesen auf ihr. Er hat, wenn man es so sehen will, dann auch das Himmelszelt erschaffen, während die Kirchengebäude von Menschen gebaut wurden.

Ein Argument für die Kirche ist in den meisten Fällen das erhabene Gefühl, sich das Ja-Wort in einem prunkvollen und feierlich geschmückten Gebäude geben zu können. Wenn wir Ihr Motto "Der Himmel ist unsere Kuppel" recht verstehen, bieten Sie demgegenüber Trauungen unter freiem Himmel an?

Unter freiem Himmel ist eine Möglichkeit. Sehr gute Erfahrungen habe ich einmal in einem Kurpark gemacht, wo das Paar sich das Eheversprechen in einem schönen Pavillon gegeben hat. Andere Paare wählen z. B. einen schmuckvollen Saal oder gar ein Schloss. Oder eben eine natürliche Umgebung im Freien, wo die Natur selbst den Ort mit Bäumen, Blumen und Felsen sozusagen "vorgeschmückt" hat. Meist suchen sich die Partner den Ort selbst aus und organisieren auch zusammen mit Verwandten und Freunden die Feierlichkeiten. Meine Aufgabe ist vor allem die Hochzeitszeremonie und feierliche Ansprache. Selbstverständlich berate ich aber auch bei der Wahl des Ortes.
Damit hier kein Missverständnis entsteht, noch eine grundsätzliche Anmerkung: Ich möchte niemandem eine kirchliche Trauung ausreden oder dies als die schlechtere Wahl darstellen. Wer das so will, soll das so halten. Nur kann man sich natürlich auch einmal fragen: Passt es für uns? Und wenn nicht, welche Alternativen gibt es? Mein Angebot verstehe ich - ganz neutral - als eine Alternative, die man genauso prüfen kann wie etwa die Angebote von kirchlichen Trauungen.


Sie würden also auch eine Trauung in einem Schloss durchführen?

Ja. Das ändert für mich nichts daran, dass Gott in der ganzen Schöpfung zu Hause ist und der Himmel - symbolisch gesprochen - die große Kuppel ist, die sich über alles Geschehen hier auf der Erde wölbt. Es sagt ja auch keiner, ein Schloss sei das spezielle "Haus Gottes", wie es die Kirche zu Unrecht von ihren Gebäuden behauptet, in denen sie Altäre, "allerheiligste" Bereiche, Tabernakel und vieles mehr eingerichtet hat. Ich selbst würde zwar einen schlichteren Ort wählen als ein Schloss, doch vielleicht denkt sich so mancher: "Warum nicht einmal im Leben ins Schloss?" Hier muss jeder abwägen. Eines ist dabei auch klar: Wir leben in einer Welt großer Gegensätze zwischen Reich und Arm. Viele Paare sagen sich deshalb auch: Wir möchten am Hochzeitstag nicht nur an das Gelingen unserer Ehe denken und dafür mit Verwandten und Freunden zusammen feiern. Wir wollen als Mann und Frau lernen, sowohl füreinander da zu sein, als auch für andere. Der gute Wille dazu ist bei den meisten da.

Das klingt gut. Doch kann man dann nicht auch sagen: Warum nicht einmal ein goldener Rolls-Royce wie bei der Hochzeit des Kronprinzen von Brunei oder vielleicht ein Brautstrauß aus Gold und Diamanten?

Man kann alles tun, wenn man es sich leisten kann oder will. Doch so mancher fühlt sich bei so viel Prunk gar nicht wohl, selbst wenn er sich das eine oder andere leisten könnte - weil er intuitiv spürt, dass irgendetwas nicht stimmt. Vielleicht ist der Reichtum nicht ehrlich erworben. Oder man möchte sich oder seine Umgebung nicht im Übermaß damit schmücken. Außerdem kann auch das Schlichte und Einfache sehr festlich sein. So lässt sich z. B. ohne großen Aufwand ein feierlicher Rahmen in der Natur gestalten, und man muss nicht unbedingt viel Geld ausgeben. Bei einer Feier, an die ich mich erinnere, hat einmal jeder Gast nach der Feier eine Blumenkette vom Brautpaar um den Hals gelegt bekommen, wie es auch in Hawaii üblich ist. Die Blumen waren aus Papier, aber es sah alles sehr feierlich und schön aus.

Setzen Sie bei der Hochzeitsfeier irgendein religiöses Bekenntnis voraus oder wenigstens den Glauben an Gott?

Nein. Ich denke manchmal an das Gleichnis vom Weltgericht in der Bibel, wo Christus sich am Ende der Zeiten bei einigen Menschen bedankt, die ihm Essen oder Kleidung gegeben haben oder ihm auf eine andere Art geholfen haben.** Diese wunderten sich, weil ihnen gar nicht bewusst war, dass sie in ihrem Erdenleben für Christus etwas getan haben. Währenddessen schickte Christus andere von sich weg, die behauptet hatten, ihm zeitlebens gedient zu haben und in Wirklichkeit doch Diener eines Anderen waren.

Herr Potzel, vielen Dank für das Gespräch.
(bh)


* Wer es nachlesen möchte: Z. B. Apostelgeschichte 7, 48-50
** Matthäus 25

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 Letzte Änderung auf dieser Seite: 7.5.2016